Die Flammen meiner Stärke

Genre: Fanfiktion

 

Nur wer stark ist, erhält Respekt von den anderen und wer schwach ist, wird gnadenlos niedergetrampelt. Zoé weiß, worauf es in Kämpfen ankommt und deswegen wäre es fatal sich mit ihr anzulegen. Was sich dieser idiotische Trainer davon verspricht, sie zum Kampf zu fordern, weiß sie nicht. Doch eines weiß sie genau: Sie wird gewinnen! Denn niemand kann sie schlagen. Oder vielleicht doch?

 

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Das Kopieren bzw. Entwenden der Bilder wie auch Texte sind ohne ausdrückliche Erlaubnis von Alexia Drael nicht erlaubt.

 


1. Kapitel

 

Ein schallendes Lachen wich aus meiner Kehle. Es hatte hervorragend funktioniert und das Gesicht meines Gegenübers war einfach nur köstlich. Deswegen konnte ich nicht an mir halten. Mir stiegen bereits Tränen in die Augen. Meinem Gegenüber ebenfalls, aber während ich mich noch amüsierte, wie blöd er sich im Kampf angestellt hatte, fand er das wohl nicht so lustig. Tja, war nicht mein Problem, denn ich ging aus diesem Kampf als Siegerin hervor und nur das zählte.

»Bevor du dir das nächste Mal einbildest mich herauszufordern, trainiere doch erst einmal vorher deine Pokémon!«, rief ich ihm voller Selbstvertrauen nach. Er ergriff bereits die Flucht. Pech für ihn! Wer mich herausforderte, musste nun mal damit rechnen in Grund und Boden gestampft zu werden. 

Mit einer grazilen Handbewegung warf ich mein langes schwarzes Haar hinter die Schultern, was ich nur all zu gerne offen trug und rief dann mein Pokémon zurück in seinen Ball. Es hatte gut gekämpft, anders als das von meinem Gegner. Er war eine Flasche gewesen, nicht fähig in der harten Welt der echten Kämpfer durchzuhalten. Wer an die Spitze wollte, um der stärkste Trainer aller Zeiten zu werden, der musste viel Einsatz zeigen. Stärke war der Schlüssel zum Erfolg, das habe ich sehr schnell herausgefunden. Das Wort »Aufgeben« gab es in meinem Wortschatz nicht. Wozu auch? Meine Pokémon waren wunderbar trainiert, denn ich hatte ein super Team! Bis auf mein aller erstes Pokémon habe ich jedes auf irgendeiner Art und Weise gefangen. Ich habe sie mir Stück für Stück heraus gesucht, überlegt, welches am besten zu mir und meinen Zielen passte und dann nach ihnen gesucht. So war mein Team entstanden und ob es nun andere hören wollten oder nicht, aber ich war kurz davor den ganz großen Durchbruch zu schaffen! Mittlerweile war ich in der Gegend um Relievera City bekannt. Selbst der Arenaleiter dieser Stadt konnte es nicht mit mir aufnehmen. Nicht selten konnte man mich auch auf der Rivére-Promenade, bekannt als Route Sieben, antreffen. Das Kampfschloss, welches dort stand, war ein perfekter Ort, um zu trainieren. Es gab viele Trainer, die dort hin kamen, um sich untereinander zu messen und nicht selten waren da auch solche Amateure vorzufinden, wie ich gerade gegen einen gekämpft hatte. Eine Schande für alle Trainer, die wirklich stark waren. Aber na schön, irgendwo musste es auch schwache Trainer geben, nicht wahr? 

Zufrieden, erneut gewonnen und damit meine Siegersträhne aufrecht erhalten zu haben, entschied ich mich dafür eine kleine Pause zu machen. Der Tag war heute sehr warm, weshalb ich nur ein knappes schwarzes Top trug und einen kurzen karierten Rock, der meine langen Beine nur noch mehr zur Geltung brachte. Ich war mir durchaus bewusst, welche Blicke ich von so manchen Typen auf mich ziehen konnte, aber das war mir egal. Sie alle interessierten mich nicht. Ich strebte nur nach Stärke, nach dem Siegertreppchen, nach dem Ruhm, der mir gehören sollte! Ich wollte, dass jeder mich kannte und wusste, was für eine außerordentlich talentierte und vor allem starke Trainerin ich war. Nichts war mir wichtiger als dieses Ziel zu erreichen. Ich weiß, dass es viel Arbeit kostete, aber ich habe mittlerweile viel erreicht und geschafft und nur darauf kam es am Ende an. 

 

Mit einem fast schon selbstgefälligen Lächeln ging ich die Straße entlang. Bevor mich dieser kleine putzige und schwache Trainer herausgefordert hatte, war ich direkt auf den Weg zum Kampfschloss gewesen. Allerdings hatte ich noch ein paar Kilometer vor mir. Die Rivére-Promenade war nicht gerade klein und ich kam direkt von Relievera City. Warum? Na, weil ich dort auch wohnte! 

Als ich klein war, bin ich die Berge hinauf geklettert, was besonders meine Mutter aufgeregt hatte. Sie hatte es mir verboten, aber daran hielt ich mich nie. Ich tat schon immer das, was ich wollte, davon konnte mich keiner abhalten. So war das eben. Mein Starrsinn und Ehrgeiz war unbezwingbar und ja, ich war auch stolz darauf. Warum auch nicht? Ich wusste nun mal, was ich war und wohin ich wollte. Ich kannte meinen Platz in dieser Welt und würde mich nicht mit Geringerem zufrieden geben! Da ich allerdings keine Lust mehr hatte noch länger zu laufen, ließ ich mich einfach auf die Wiese fallen und starrte hinauf in den Himmel. Meine Arme und Beine zu allen Seiten ausgestreckt. Die Rivére-Promenade war wirklich schön. Das gab ich zu. Wenn man die Berge erst einmal hinter sich gelassen hatte, dann führte ein Weg direkt zum Kampfschloss und von dort aus wiederum weiter bis nach Vanitéa. Die Stadt interessierte mich recht wenig. Illumina City war da viel interessanter, aber da kam ich derzeit eher selten hin. Meistens hielt ich mich hier auf. Ich mochte diese Route, allein auch wegen der zahlreichen Blumen, die zu dieser Jahreszeit blühten. Daher begann ich zu lächeln, schloss die Augen und atmete tief ein. Von überall strömte der zarte Blütenduft zu mir heran und ich entspannte mich noch mehr. Es war so friedlich, dass ich für einen Moment all meine Ziele und Wünsche vergaß und einfach frei war. 

Vermutlich war ich sogar zwischendurch weg genickt, denn als ich wieder aufsah und mich auch aufsetzte, hörte ich Stimmen in der Nähe. Die waren vorhin nicht da gewesen. Ehrlich gesagt passte mir das gar nicht, aber gleichzeitig sagte es mir auch, dass es für mich Zeit wurde weiter zu gehen. Ich streckte mich kurz, ehe ich mich in die Höhe stemmte und aufstand. Schluss mit dem faulen Herumliegen. Es wurde Zeit wieder ein paar kleine Trainer zu vermöbeln. Wegen diesem Gedanken musste ich grinsen. Schon lange habe ich niemanden mehr getroffen, der eine echte Chance gegen mich hatte. Ich strich mein langes schwarzes Haar glatt und zupfte mir ein paar verirrte Grashalme heraus. Das war der Nachteil, wenn man sich einbildete, dass es eine gute Idee war sich ins Gras fallen zu lassen. Tja, nützte nun alles nichts. Nachdem ich glaubte wieder halbwegs vorzeigbar zu sein, drehte ich mich um und siehe da! Wen hatten wir denn da? Es waren drei Trainer, drei Jungs. Okay, es waren keine Rotzbengel mehr, die glaubten die größten Trainer der Welt zu sein. Sie könnten sogar in meinem Alter sein. Was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich nicht trotzdem einbildeten die Größten zu sein. In was auch immer. Jungs konnten manchmal echt dämlich sein, egal in welchem Alter. 

»Mhm?« Verdammt! Zu spät bemerkte ich, dass unter den Dreien Khyron dabei war. Der hatte mir gerade noch gefehlt! Ich kannte ihn noch nicht gut genug, aber schon als ich ihn das erste Mal getroffen habe, ging er mir furchtbar auf den Keks! Sein Gerede davon wie man mit seinen Pokémon am besten umging, wie man sie zu behandeln hatte und alles. Ich ließ mir nicht vorschreiben, wie ich meine Pokémon trainierte! So einfach war das. Erst recht nicht von so einem daher gelaufenen Typen, der glaubte die Welt verbessern zu können, pfft! Khyron fiel dadurch schon auf, weil er braun-blondes Haar hatte, während die anderen beiden Kerle eher dunkles vorzuweisen hatten. Der eine trug sogar eine Mütze. Genau auf diese Weise, wie ich sie am aller schlimmsten fand. Die Kappe war nur einfach so auf den Kopf gesetzt, also nicht mal richtig drüber gezogen, sondern nur … wie drauf gelegt.

Jungs, wenn es darum ging cool auszusehen: SO geht es schon mal nicht! Er wirkte, als hätte er einen riesigen Kopf. Ich wusste nicht, was manche Typen sich dabei dachten das Ding so zu tragen. Sahen sie eigentlich mal in den Spiegel? Wussten sie nicht, wie lächerlich sie sich damit machten? Gut, es konnte mir herzlich egal sein. Solange ich deswegen keinen Lachanfall bekam und tot umfiel. Das wäre dann doch etwas schlecht für mich. 

»Hey, wen haben wir denn da? 'Ne süße Lady?«

Argh! Allein bei diesen Worten kräuselten sich mir alle Finger- und Zehennägel auf. Das war der Typ mit dem zu groß geratenen Wasserkopf – weil er die Kappe so dämlich trug. Solche dämlichen Anmachsprüche konnte ich noch weniger leiden als Modesünden! Am liebsten wäre ich ihn an die Gurgel gesprungen, aber das hätte er vielleicht am Ende noch falsch interpretiert, also setzte ich mein selbstbewusstes Lächeln und meine super tolle Fassade auf mein Gesicht, was niemand durchschauen konnte. Mein Motto war auch seit Jahren niemanden an mich heran zu lassen. Aus den einfachen Gründen, dass man dadurch nicht enttäuscht werden konnte. Wer brauchte schon andere? Schließlich hatte ich mein eigenes Pokémon-Team, mit dem ich wunderbar zurecht kam. Es war stark, ich bin kurz davor zu behaupten, dass es unbesiegbar war. Aber das würde ich erst heraus posaunen, wenn ich den Titel der Großherzogin im Kampfschloss erreicht hatte. Viel fehlte mir dazu nicht mehr. Zwar war ich derzeit noch eine Marquise, aber ich stand kurz davor zur Herzogin aufzusteigen. Es fehlten nur noch wenige Siege und dann war ich offiziell in der Elite! Ha, das wäre doch gelacht, wenn ich das demnächst nicht schaffen würde. 

»Hey Hugo, ich glaube das ist Zoé!«, sagte der Kleinere von beiden – Khyron mal außen vor gelassen.

»Zoé?« 

»Ja Zoé! Du weißt doch, die so stark ist! Eine Trainerin aus Relievera City, über die mittlerweile sich allerhand Leute das Maul zerreißen!«

Oooh, was hörten da meine Ohren? Man redet über mich? Dass ich stark bin? Genau das wollte ich! Ich konnte mir innerlich das selbstgefällige Grinsen nicht verkneifen und sonnte mich ein paar Sekunden in diesem Ruhm. Herrlich! 

»Ach die Zoé! Ja, hab gehört, die soll ja auch rattfratzscharf sein!« 

Okay, das war schon wieder ziemlich dämlich. Gut, ja, natürlich mochte ich es, wenn man mich auch um meiner Schönheit beneidete, aber manchmal war mir das auch ein Dorn im Auge. Vor allem am Anfang hatte mich das tierisch angekotzt. Die super tollen Ass-Trainer, die sich so wahnsinnig stark fanden, haben mich immer ausgelacht. Das hübsche Mädel, das kämpfen will? Na, nicht, dass sie sich dabei einen Fingernagel abbricht! Was habe ich diese dummen Sprüche gehasst! Mittlerweile war es für mich eine echte Genugtuung besonders denjenigen eins auszuwischen, wenn ich sie in einem Kampf platt machte. Dann verging ihnen nämlich das Lachen und ich war diejenige, die sich königlich amüsieren konnte. 

Ach, und nur so nebenbei: Ratzfratzscharf? Ich bitte euch! Als wenn so ein lausiges Ratzfratz scharf wäre! Das glich mehr einer Beleidigung als einem wirklichen Kompliment. Ich warf mein Haar erneut über die Schulter und ging stolz mit erhobenen Haupt weiter, dabei völlig diese Kerle ignorierend. Sie waren es nicht wert, auch nur von mir beachtet zu werden.

»Hey, hey, hey!« Leider glaubte dieser Hugo, dass es eine gute Idee war mich direkt anzusprechen. Eigentlich könnte ich weiter gehen, aber seine weiteren Worte hielten mich davon ab.

»Lass mal sehen, wie stark du wirklich bist, ja?« Als ich meinen Blick auf ihn richtete, wackelte er auch noch mit den Augenbrauen. Was war das? Noch eine Anmache? Ich schob meine linke Augenbraue selbst in die Höhe und stemmte meine Hände in die Hüfte.

»Glaubst du allen Ernstes, du könntest es mit mir aufnehmen?«, wollte ich von ihm wissen. Das entfachte seinen Kampfwillen enorm.

»Na aber hallo, dich mach ich doch in Nullkommanichts fertig! Wetten?« Hugo nahm den Mund ganz schön voll. Es sah ganz danach aus, als müsste ich ihm eine Lektion erteilen. 

»Pass nur auf Hugo, die ist wirklich stark!«, versuchte der kleine Freund dem Kotzbrocken zu warnen, aber der hörte gar nicht richtig hin. Nebenbei bemerkte ich ein Seufzen von Khyron, der sich bisher aus allem heraus gehalten hatte. Außerdem konnte ich im Augenwinkel sehen, wie er sich über die Stirn rieb. Schämte er sich etwa für seinen Kumpel? Sollte er besser, denn er war drauf und dran sich richtig lächerlich zu machen!

»Fein«, ging ich auf die Kampfansage ein. »Lass uns kämpfen! Und weißt du was? Du darfst drei Pokémon einsetzen und ich nur eins, wie wäre das?«, schlug ich außerdem vor. Hugo, mit dem Wasserkopf, sah mich verdutzt an.

»Willste mich auf den Arm nehmen?«

»Mitnichten. Ich meine das vollkommen ernst!« Das konnte er kaum glauben, als ich das bestätigte, aber ich meinte immer das, was ich sagte. Einen Rückzieher würde ich nicht machen. Hugo fühlte sich dennoch veräppelt, aber auch gleichzeitig herausgefordert. Offenbar kratzte ich mit meinen Worten an sein männliches Ego. Falls er denn so etwas besaß. Für mich war er von Anfang an eine Witzfigur. Was soll ich sagen? Diese Kappe … 

 

Da standen wir also nun. Mitten auf der Straße und versperrten allen anderen Passanten den Weg. Wer hier unbedingt vorbei kommen wollte, musste über die Blumenwiese latschen, die rechts von uns lag. Nach wie vor mochte ich den Duft all der bunten Blüten, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Mein Gegner – Hugo mit dem Wasserkopf – wollte unbedingt gegen mich kämpfen. Er sah sehr angespannt aus, so wie er das Gesicht verzog.

»Du wirst untergehen, Mädel!«, rief er mir zu. Sein kleiner Freund – keine Ahnung wie der hieß – würde als Schiedsrichter fungieren. Khyron hielt sich dafür immer noch aus allem raus, würde aber den Kampf zwischen uns beobachten. Was dachte er wohl? Es konnte mir egal sein! Ich konzentrierte mich wieder auf das Wesentliche und holte meinen Pokéball hervor. Auf allen Bällen hatte ich verschiedene Sticker drauf geklebt. Hauptsächlich Buchstaben, um sie voneinander zu unterscheiden, wobei ich auch andersfarbige Bälle besaß, die nicht nur rot-weiß waren. Das half mir zu unterscheiden, welches Pokémon in welchem Ball war. Schließlich wäre es echt dumm, wenn man das falsche Pokémon rief und dann den Nachteil hatte. 

»Alles klar. Zero, du bist dran!« Ich rief mein Pokémon aus dem Ball, denn ich wusste ganz genau mit welchem ich hier kämpfen wollte. Es war vollkommen egal, welches Hugo einsetzen würde. Er würde sowieso verlieren. Ein Funkeln und Leuchten war zu sehen und kurz darauf ein paar heiße Flammen. Ich liebte den Auftritt meines Pokémons! Es strahlte Stärke und Macht aus und schreckte die meisten Gegner schon im Vorfeld ab! Auch in Hugos Gesicht konnte ich den Schrecken erkennen. Er wurde ganz blass und ich begann zu grinsen und fühlte mich schon jetzt absolut überlegen.

»Was denn? Du willst doch nicht schon jetzt aufgeben?«, höhnte ich und wartete auf seine Reaktion. Meine dunkelblauen Augen fixierten jedoch mein Pokémon, was gerade die Flügel an den Körper anlegte und sich dann genüsslich streckte. Immer wenn mein Brutalanda aus dem Ball gelassen wurde, um zu kämpfen, entließ es stets einen Feueratem. Das heizte in der Regel den Kampf schon zu Beginn ordentlich ein. Die wenigstens Trainer blieben bei dem Anblick von Zero ruhig und Hugo gehörte schon mal nicht dazu. Er schluckte, um den Kloß im Hals los zu werden, was nur mäßigen Erfolg hatte. Ich konnte es ihm ansehen. 

»Na schön, los geht’s, mein Freund!« Hugo rief ebenfalls sein Pokémon und zum Vorschein kam ein sehr aufgebrachtes Rasaff. Da ich sehr oft im Kampfschloss unterwegs war, hatte ich schon viele Pokémon gesehen. Auch wenn ich immer so desinteressiert und teilweise abwesend wirkte, so hatte ich mir jedes Mal ganz genau die Pokémon eingeprägt und auch später mich über deren Schwächen erkundigt. Um ein starker Trainer zu werden, musste man die Schwächen der Gegner kennen, da führte kein Weg dran vorbei. Man konnte nicht einfach so los preschen und auf den Gegner einschlagen. Manchmal half es mehr, wenn man sein Köpfchen einsetzte. Im Falle von Hugo würde das aber nicht notwendig werden. Ich wusste schon jetzt, dass er keine Chance besaß. Sein Rasaff würde nicht lange im Ring stehen. Eben jenes stampfte mit den Beinen auf und brüllte. Noch nie habe ich verstanden, warum diese Pokémon so eine wütende Natura besaßen. Sie sahen immer so aus, als würden sie vor Wut gleich platzen, wenn sie nicht etwas zertrümmern durften. Schon komisch. Sein hellbraunes Fell stand in sämtliche Richtungen ab. Es hätte flauschig wirken können, wenn es nicht so hässlich wäre. Nein, ich konnte keine Sympathie für so ein Pokémon aufbringen, aber das musste ich auch nicht.

»Na los, ich überlasse dir den Anfang!«, rief ich Hugo zu. Meine rechte Hand hatte ich in meine Hüfte gestemmt und stand gelassen da. Sollte er mal ruhig anfangen, es würde ihm ja doch nichts nützen. Zero hatte schon viele Kämpfe hinter sich gebracht und die meisten davon hatte er gewonnen. Wenn ich es recht bedachte, dann hatte es nur verloren, als es noch nicht entwickelt gewesen war. Lang war's her! Immerhin war das zu meiner Anfangszeit als Trainerin gewesen, aber daran wollte ich nicht zurückdenken. 

Hugo hatte sich endlich entschieden, wie er beginnen wollte und trieb sein Pokémon bereits an. Es sollte den Kreuzhieb einsetzen, was mich doch verwunderte. Wusste er nicht, dass er damit nicht durchkommen konnte? Ich blieb weiter gelassen stehen und sagte nichts, überließ Zero einfach alles. Er wusste schon, was er zu tun hatte. Seine Kampferfahrungen reichten dafür aus, um nicht angewiesen zu sein, was seine Trainerin sagte. Zumindest nicht, wann der perfekte Moment gekommen war, um auszuweichen. Als wäre es das Leichteste von der Welt breitete Zero seine roten Flügeln zu beiden Seiten aus und erhob sich in die Luft. Ganz knapp danach prallte Rasaff an der Stelle mit seinem Hieb ein, wo Zero bis eben noch gehockt hatte. Ich grinste und war zufrieden. Zero befand sich in der Luft. Seine Rückenmuskeln waren kräftig und zeichneten sich bei jedem Flügelschlag ab. Ich liebte den Anblick seiner Stärke und war verzückt. Fast hätte ich mich sogar in diesem Anblick verloren, aber da Hugo weitere Befehle seinem Pokémon zu rief, dass es doch gefälligst meines besiegen und vor allem aus der Luft herunter holen sollte, riss ich mich nun zusammen. Keine Zeit, um meinem eigenen Pokémon schöne Augen zu machen. Gelangweilt von Hugo und seinem Pokémon hob ich meine linke Hand und gab meinem Pokémon ein Zeichen. 

»Zero! Aero-Ass!« Mehr sagte ich nicht, zeigte aber dabei auf das Rasaff. Meine Stimme war laut und befehlend und duldete keine Wiederworte, kein Zögern. Kaum hatte ich es ausgesprochen, da stürzte sich mein Brutalanda vom Himmel hinab, wo es bisher noch seelenruhig dahin geflogen war. Ich wusste, dass es diese Flüge genoss. Es war das, was es am meisten liebte, aber dafür war nicht der richtige Augenblick. Zero schoss wie ein Pfeil vom Himmel. Hugo geriet in Panik, was auch nicht förderlich für sein Pokémon war. Sie waren kopflos und daher unfähig etwas gegen den Angriff zu unternehmen. Mit Leichtigkeit traf Zero das Rasaff und beförderte es mehrere Meter weit weg. Es war sofort besiegt und rührte sich nicht mehr und blieb an der Stelle liegen, wo es hart aufprallte. Na wenigstens waren ein paar Blümchen um es herum. Das hatte das gewisse Etwas zu dieser Niederlage. Hugo stand mit offenem Mund da und ich schnaubte auf.

»Das hättest du dir denken können, dass das passiert«, verhöhnte ich ihn und lud mir damit seinen Zorn auf. Es war mir egal. Sein kleiner Freund wies mich für diese erste Runde als Siegerin aus. Wenn auch mit wenig Begeisterung, er schien etwas verstört zu sein. Mal ehrlich, ich hatte das Gefühl, dass sie noch nie einem Kampf beigewohnt haben. Sie sollten eigentlich wissen, wie es ablief, aber gut. Sollten sie eben aus allen Wolken fallen, pah! 

Dem zweiten Pokémon von Hugo erging es nicht viel anders als dem Ersten. Der Kampf war schnell entschieden, obwohl sein Quappo sogar den Eisstrahl beherrschte. Das hatte mich ein wenig überrascht, denn ich hätte es Hugo nicht zugetraut, dass er so schlau war seinem Pokémon solch eine Attacke beizubringen, geschweige denn sie auch auszuspielen. Aber trotzdem hatte es ihm nicht geholfen. Zero hatte zwar was abbekommen, aber von einer Eisattacke ließen wir uns nicht aufhalten! Da mussten schon größere Geschütze aufgebracht werden! Da Quappo nicht nur ein Wasser- sondern auch ein Kampf-Pokémon war, konnte ich auch wieder mit dem einfachen Aero-Ass punkten. Es war viel zu einfach. Hugos Pokémon waren zu schwach, um es ernsthaft mit meinem Brutalanda aufzunehmen. Das enttäuschte mich schon ein wenig.

»Hast du genug? Willst du lieber aufgeben? Bedenke, du hast nur noch ein Pokémon und Zero ist noch topfit!«, rief ich Hugo zu. Die paar Kratzer, die sein Quappo meinem Brutalanda zugefügt hatten, waren kaum der Rede wert. Demonstrativ breitete Zero die mächtigen Flügel aus und brüllte in den Himmel hinauf. Was für eine Show! Eine Show, hinter der auch was steckte. Hugo hatte immer noch keine Chance! Aufgeben wollte er dennoch nicht und rief sein drittes und damit letztes Pokémon in den Kampf. Dieses Mal war es ein Geowaz. Ein steinharter Gegner, wenn man so will. Die runde Form des Pokémon ermöglichte ihm sich schnell über den Boden zu rollen und damit auf den Gegner los zu gehen. Ob Hugo darauf setzte? Das würde ihm nicht viel bringen, solange Zero in der Luft war. Auch würden sämtliche Bodenattacken Zero nicht am Arsch kratzen. Ich sah mich wieder als überlegene Siegerin an und wusste, dass es schnell zu Ende gehen würde. Er hätte lieber aufgeben sollen, als er noch die Gelegenheit dazu hatte. Jetzt war es allerdings zu spät. Er wollte kämpfen, also würde er einen Kampf bekommen! 

»Du bist anscheinend nicht fähig aus Fehlern zu lernen.« Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich stark und überlegen. 

»Wart's nur ab!«, beschwor Hugo, der nicht aufgeben wollte. Davon ließ ich mich nicht im geringsten aus der Ruhe bringen. Ich ließ erneut Hugo den Vortritt und wie ich erwartet hatte, legte sein Geowaz einen Sprint hin, in dem es auf mein Brutalanda zurollte. Ich verdrehte die Augen, das war lächerlich! Zero erhob sich natürlich in die Luft und entging dadurch dem rollenden Ungeheuer.  Obwohl ein Flammenwurf als Feuerattacke gegen ein Boden-Gesteins-Pokémon nicht sonderlich viel Effektivität besaß, wies ich dennoch mein Pokémon dazu an, genau diese einzusetzen. Zero holte tief Luft, ließ die Hitze in sich aufsteigen und entfachte dann seinen feurigen Atem. Ich musste schon zugeben, Feuerattacken hatten ihren Reiz, selbst wenn sie keine effektive Wirkung besaßen. Sie gefielen mir trotzdem und mit einem zufriedenen Lächeln sah ich, wie das Geowaz von Flammen eingehüllt wurde. Hugo wirkte schon wieder ganz panisch, weswegen ich nicht weiter auf ihn achtete. Ich betrachtete nur die beiden Pokémon, während Hugo etwas zu seinem brüllte. War es tatsächlich Schaufler? Eine Bodenattacke, die nichts bringen würde. Wieso war er so blöd? Geowaz buddelte sich trotzdem ein. Na gut, es entging dadurch dem feurigen Atem, aber trotzdem … Was sollte das weiter bringen? Abgesehen davon, dass es nun unter der Erde steckte und unerreichbar für mein Brutalanda war, so konnte auch Geowaz selbst nicht viel ausrichten.

»Ernsthaft jetzt? Ein Versteckspiel?« Es gab nichts Langweiligeres! Doch was mich überraschte, war das Selbstvertrauen von Hugo. Es irritierte mich. Wo war seine Panik hin? 

»Jetzt!«, brüllte er auf einmal. Ich wusste gar nicht, was das sollte und sah perplex drein, als sich in der nächsten Sekunde das Geowaz aus der Erde katapultierte. Noch immer war Zero in der Luft, aber nicht hoch genug. Das schwere Geowaz prallte gegen mein Drachen-Pokémon, was mich erschreckte. Wieso war so ein schweres Pokémon überhaupt in der Lage dazu? Wie hatte es das geschafft den massigen Körper nach oben zu befördern? Mit weit aufgerissenen Augen sah ich, wie Zero zu Boden krachte und schmerzerfüllt auf brüllte. Geowaz lag auf ihm und als wäre das nicht genug, befahl Hugo auch noch Steinkante einzusetzen. Eine Gesteinsattacke war sehr effektiv gegen den Typ Flug. Brutalanda hatte diesen Zweittypen und als die scharfkantigen Steine aus dem Boden nach oben schossen und ihn trafen, konnte ich nichts anderes tun, als dabei zu zusehen. Hugo lachte euphorisch auf. Er fühlte sich schon als Gewinner und in mir stieg unbändige Wut auf. Wie konnte er es wagen? Wie konnte dieser kleine Wicht sich erdreisten meinem Pokémon dermaßen zuzusetzen? Noch war Zero nicht besiegt. Ja, es hatte einiges abbekommen und ja, es war verletzt durch die scharfkantigen Steine, von dem es getroffen worden war. Aber es war nicht besiegt! Das nutzte ich für mich.

»Das. Wirst du. Mir. Büßen!« Das letzte Wort brüllte ich wutentbrannt Hugo entgegen und riss meinen rechten Arm nach oben. Wenn er glaubte mich besiegen zu können, dann würde ich ihm eben jetzt beweisen, dass er sich darin irrte! 

»Mega-Entwicklung!« An meinem rechten Arm hatte ich ein Band mit einem kleinen, fast unscheinbaren Anhänger. Es war einer dieser Schlüsselsteine, die in der letzten Zeit immer häufiger gefunden und aufbereitet worden waren. Sie besaßen eine Kraft in sich, die man erst nach und nach wirklich langsam zu begreifen schien. Sie reagierten mit anderen zahlreichen Steinen und lösten in Pokémon eine Macht aus, die beeindruckend war: Die Mega-Entwicklung! Genau diese löste ich nun auch bei Zero aus, als ich meinen Schlüsselstein auf ihn richtete. Um Zeros Hals war ein Halsband angebracht, welches den Brutalandanit trug. Der Stein, der dafür sorgte, dass sich diese Pokémon-Art noch ein weiteres Mal entwickeln konnte. Zwar war das nur für eine kurze Dauer, aber das war nicht schlimm. Es reichte meistens aus, um den Kampf für sich zu entscheiden und das würde ich nun auch tun. Hugo würde mir nicht entkommen und sowohl er, als auch alle anderen sahen mit großen Augen dabei zu, wie die Kraft in Brutalanda frei gesetzt wurde. Der Körper begann in einem hellen Licht zu strahlen. Man konnte die Silhouette nur noch erahnen, ebenso wie sie sich immer mehr veränderte. Es war keine so extreme Veränderung wie die üblichen Entwicklungen. Man erkannte immer noch mein Brutalanda, aber die Flügel waren größer und mächtiger und Zero sah noch gefährlicher, aber auch eleganter aus. Tief sog es die Luft durch die Nüstern ein und entließ ein mächtiges Brüllen in die Luft. Trotz der Verletzungen aus dem Kampf hatte es wieder neue Kraft geschöpft, von der ich Gebrauch machen würde! 

»Kein Erbarmen, los Zero, setz Eisenschweif ein!« Meinem Pokémon habe ich verschiedene Attackentypen beigebracht, um auf verschiedene Situationen angemessen reagieren zu können. Dazu gehörte auch eine Attacke vom Typ Stahl, die besonders Gesteins- wie auch Feentypen ordentlich zusetzen konnte. Genau das war auch hier mein Ziel. Noch benommen von der Mega-Entwicklung konnte Hugo nicht schnell genug einen Befehl bellen. Sein Geowaz wurde von dem stählernen Schweif meines Pokémons getroffen und zwar so heftig, dass es trotz des krassen Gewichts von den Füßen gerissen wurde und meterweit flog. Es rollte sogar näher zum Fluss heran, der im Gegensatz zum erhitzten Kampf, friedlich vor sich hin plätscherte. 

»Ich … ich habe verloren?«, murmelte Hugo, der es nicht glauben wollte. Er hatte gedacht, er hätte den Kampf für sich herum gerissen, aber nun wurde er eines Besseren belehrt. Ich selbst hatte allerdings noch nicht genug. Meine Wut loderte immer noch in mir und ich sah nicht ein, warum ich jetzt aufhören sollte.

»Zero!«, rief ich mein Pokémon, wollte ihm die nächste Attacke befehlen.

»Warte!«, hörte ich Khyron, der sich auf einmal in Bewegung setzte. Er ahnte, was ich vor hatte und wollte mich aufhalten. Wollte mich dazu bewegen Gnade walten zu lassen, aber damit gab ich mich nicht zufrieden. 

»Drachenrute!«, brüllte ich und Zero tat es mir kurz darauf gleich und brüllte ebenfalls. In ihm loderte die gleiche Wut wie in mir und es stürzte sich erneut auf Geowaz, das noch immer am Boden lag.

»Was tust du denn? Hör auf damit, es ist besiegt!« Khyron war zu mir heran geeilt, wollte mich packen, wollte mich aufhalten, aber ich ließ es nicht zu.

»Fass mich nicht an!«, schrie ich ihn an und kurz darauf verpasste ich ihm eine schallende Ohrfeige, die saß. So verhinderte ich, dass er sich erdreisten konnte mich anzufassen. Er war geschockt. Ich ehrlich gesagt auch. Nie war ich jemanden auf diese Weise näher gekommen. Im genau gleichen Moment, als ich ihm eine verpasste, prallte erneut der muskulöse Schweif meines Pokémons gegen das Geowaz, hieb es hoch und ließ es fliegen. Hugo brüllte auf, sein Freund ebenfalls. Ich starrte Khyron an, er starrte zurück. Sekunden verstrichen, die so chaotisch wirkten, dass es mir schwer fiel all die Gedanken und Gefühle, die in der Luft brodelten, richtig zu fassen und zu deuten. 

Hugo reagierte noch rechtzeitig, holte seinen Pokéball hervor und rief sein Geowaz zurück. Eine Sekunde später und es wäre in den Fluss gestürzt. Wir wussten alle, was das bedeutete. Geowaz als Boden- und Gesteins-Pokémon wäre nicht nur durch sein Gewicht untergegangen, es hätte auch im Wasser unerträgliche Schmerzen erlitten. Nicht ohne Grund waren diese Typen anfällig auf Wasser. Genauso wie Feuer. Auch wenn die Wirkung auf beiderlei unterschiedlich waren, so war es für beiderlei extrem unangenehm vom Wasser direkt getroffen zu werden. Oder in dieses hinein zu fallen.  

Ich war erstarrt und blickte immer noch in die Bernsteinaugen von Khyron, der mich ebenfalls geschockt ansah. Wir wussten wohl beide nicht, was gerade wirklich passiert war und was wir tun sollten.

 

Fortsetzung folgt (siehe oben) ...